Freitag, 13. Oktober 2017

"Blau ist das neue braun."



#FCK AfD schreiben die Leute. 

In meinem Instagramfeed wimmelt es von diesen Botschaften. „Ich hasse euch, ihr Nazis“, heißt es. Und: „Blau ist das neue braun.“ Dass AfD-Wähler manchmal rechts sind, weiß ich. Ihre Hassliste ist lang. Allein deshalb würde ich ihnen nie bei Instagram folgen, denn mit so viel Hass kann ich nicht umgehen. Doch dass auch Social-Media-Berühmtheiten hassen, wusste ich nicht. Ich dachte, sie wären aalglatt unter ihrer Schicht aus Primer, Foundation, Concealer, Puder, Bronzener, Rouge – kurzum: Make-up – und hätten sich schon beim Beschriften ihrer letzten Infobox die Seele aus dem Leib geschrieben.

Weil ich derzeit auf der britischen Insel hocke und auch die Menschen um mich manchmal vergessen, dass es eigentlich gar nicht so weit bis zum europäischen Festland ist, scheine ich Wichtiges verpasst zu haben. Denn die User von facebook, YouTube, Instagram & Co. produzieren jetzt neuen Content. „Ich geh‘ wählen“ ersetzt das langsam in die Jahre gekommene „Ich bin schön“.
#produktplatzierung #ad

Was das angeht, denke ich, ich bin anders. Ich schreibe nicht #FCK AfD. Um ehrlich zu sein, möchte ich auch mit niemandem f*****, der die AfD wählt, auch wenn ich Menschen nicht aufgrund ihrer politischen Ansichten verurteile. Und dass sie sich selbst f*****, wünsche ich ihnen auch nicht. Nicht nur, weil ich allein das Wort scheußlich finde. Ich denke, ich fühl‘ das einfach nicht. #FCK AfD ist nicht so mein Ding. Ich bin eher die, die Menschen gern ausreden lässt. Vielleicht, weil ich sie ungern degradiere. Vielleicht, weil ich ihnen viel lieber irgendwelche Dinge unterstelle, die ich in Wirklichkeit gar nicht weiß. Darunter ist so manches. Zum Beispiel, dass sie nachdachten, bevor sie Sonntag vor zwei Wochen ihr x gesetzt haben.

Was für ein Widerspruch in sich, könnte man jetzt sagen. Wie kann man AfD wählen und nachgedacht haben? Um ehrlich zu sein: ich weiß es nicht. Auch ich frage mich das manchmal. Zum Beispiel, wenn ich nachts im Bett liege und dem Beat der Musik lausche, den meine Flatmates in ihrem Vollrausch nicht mehr regulieren können. Aber ich würd’s gern wissen. Allein aus Neugier. Oder aus dem Bedürfnis heraus, etwas ändern zu wollen.
#FCK AfD finde ich scheiße, denke ich dann. Denn #FCK AfD ist feige, statt mutig. #FCK AfD macht die Augen zu, statt hinzusehen und versteckt sich, statt Konfrontation zu suchen. Auch #FCK AfD trägt Verantwortung. Oder die Menschen dahinter. Momentan tun sie das nicht. Sie posten und twittern und teilen ihr politisches Engagement, das bei genauerem Hinsehen eigentlich gar keins ist. Mit ihrem Shitstorm haben sie mir eine Sorgenfalte zwischen die Augenbrauen getrieben. So laufe ich jetzt rum - mit einer Sorgenfalte, hervorgerufen durch mein Unverständnis über den Hass zwischen uns Menschen. Wie eine Kluft zwischen all den unfairen Politikverdrossenen, die sich in diesen Tagen deutschen Boden auf dem europäischen Festland teilen.

Freitag, 6. Oktober 2017

Von Tagträumen und politischem Unvermächtnis



[Dieser Text wurde versehentlich gelöscht. Ursprüngliches Veröffentlichungsdatum: 27.03.2017]
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Aleppo, Erdogan, Flüchtlinge, Brexit, Trump. Die Medien kreisen seit Monaten genau um diese Schlagworte. Es sind Begriffe, die so nah und gleichzeitig auch so abstrakt, irgendwie außerhalb unserer eigenen gefühlten Realität erscheinen. Auch wenn wir Flüchtlinge manchmal auf der Straße sehen, ereignen sich ihre Geschichten – wie auch alle anderen besorgniserregenden Dinge – für uns ausschließlich hinter dem digitalen Bildschirm. Wir lesen Nachrichten, sehen Videoausschnitte aus Dokumentationen, switchen uns durch eine Fotostrecke nach der anderen. Vielleicht stößt uns hin wieder noch der bittere Geschmack von Mitleid und Entsetzen auf. Aber spätestens nach der dritten Einzelfalldarstellung klicken wir dann endgültig weg – und verlassen damit die Darstellung einer traurigen Lebensrealität, um uns in eine viel buntere, vermeintlich heilere Welt zu stürzen. Wir posten Fotos von unserem mit Make-up zugekleisterten Gesicht, während woanders der Krieg tobt. Während Menschen flüchten oder gar eingesperrt werden, Hunger leiden und vor Angst zittern, teilen wir erst mal unser heutiges Frühstück, dessen Herrichtung uns verdammt gut gelungen ist. 

Ich weiß, wir leben in Europa. Und unsere Sorgen sind nicht die der anderen. Und vielleicht ist es ganz natürlich, dass sich jeder in seiner Welt bloß um die eigene Achse dreht, die hier nun einmal nicht von Armut, Krieg und der Sorge um das eigene Leben dominiert wird. Und dennoch sitzt der Schrecken tief, wenn dann bei Wahlen, wie in Amerika und dem Brexit, so einiges schief läuft. Das Problem ist: Wenn wir aufwachen und begreifen, dann ist es meistens schon zu spät. Böse Zungen anderer Generationen mögen dies vielleicht „naives Tagträumen“ oder „politisches Desinteresse“ schimpfen. Ihre Analysen des wenigen politischen Engagements enden in vielseitigen rhetorischen Fragen: Liegt es daran, dass Generation Y nicht wie ihre Eltern um grundsätzliche Werte kämpfen musste? Fehlt einfach das Bewusstsein oder wissen sie gar nicht, was es zu verlieren gilt?

Vielleicht ist das es einfach eine Nebenerscheinung, die zum Leben in digitalen Welten dazugehört, dass wir über all dem Trash, der täglich auf unseren Bildschirmen abläuft, vergessen, wer wir eigentlich sind: Wir, die Kinder des Friedens, die auf der Sonnenseite geborenen. Freiheit und Demokratie, Bildung und Luxusgüter – für andere unerreichbar, für uns selbstverständlich. Wir leben in einer schillernden Luftblase und bemerken gar nicht, wie viel Glück wir damit haben. Aber mit all diesem Glück tragen wir meiner Meinung nach auch die Bürde der Verantwortung. 

Denn wir sind nicht nur die auf der Sonnenseite geborenen – wir sind auch die Enkel der Leute, die damals den Krieg miterlebten. Anders als die meisten von ihnen haben wir heute Reichweite. Zwar nicht im Realen, aber immerhin nutzen wir Netzwerke, die schneller sind als jede damalige Tageszeitung. Statt diese Reichweite zu auszunutzen, sharen wir lieber Bilder unserer enthaarten oder haarigen Achseln, um dann 30.000 Kommentare später herauszufinden, dass es Menschen gibt, die sich vor ihrer eigenen Körperbehaarung ekeln und andere, die diese Menschen wiederum verurteilen. Das mag alles verdammt relevant sein, aber neben dem, da ist noch so viel mehr! 

Bei all diesen Debatten um Schönheit und das beneidenswerteste Leben, die förmlich dazu einladen, sich in ihnen zu verlieren, vergessen wir manchmal, unserer Verantwortung gerecht zu werden. Vielleicht ist es schwer, uns in all dem Datenmüll noch zurecht zu finden – und nach dem hundert Millionensten Selfie noch einen kühlen Kopf zu bewahren. Nichts desto trotz lässt sich eine „Welt voller Frieden“ oder „das Europa der Zukunft“ nicht mit Schminkvideos, Fashionblogs oder Quizduell bestreiten. Vielleicht sollten wir uns das ab und an vor Augen halten, um handeln zu können, bevor es zu spät ist – und Haltung zu zeigen, wenn es an uns ist, Entscheidungen zu treffen.

Looking forward to September 24th.

Montag, 23. Januar 2017

tinderdates

Gestern haben wir über Tinder geredet. Na ihr wisst schon. Das ist das, was man genauso benutzt wie Google. Früher hat man gegoogelt: Beziehung. Wie lerne ich eine Frau kennen? Freundschaft Plus. One-Night-Stand.

Heute tindert man. Tinder ist wie Google, es ist sogar zu einem Verb in unserem Sprachschatz geworden. Da sucht man vielleicht nicht mit Worten, aber dafür präziser.

Man kann nach viel suchen und auch nach wenig, man kann mit großen Erwartungen suchen, voller Neugier suchen, man kann nebenbei mal schnell suchen – oder sein Leben lang suchen. Vor allem aber sucht man. Wie bei Google. Oder wie bei Germanys Next Topmodel. Dort sucht man aber noch analog. Dort hat man große Mappen, die alle erst einmal auf den Tisch gelegt werden müssen. Sie sind wuchtig und schwer und haben einen Ledereinband, den man öffnen muss. Und dann muss man blättern. Blättern ist anstrengend – und dauert lange. Tinder ist viel besser, was das angeht. Tinder ist nicht wie eine Modelmappe. Tinder ist einfach immer da, tief drin im geliebten Smartphone, nicht weiter als einen Touch entfernt.

Tinder ist das neue Google und das neue GNTM, weil Tinder mehr kann. Tinder kann Menschen suchen, deren Namen man noch nicht kennt. Tinder kann Wünsche wahr machen, ohne dass man sie aufschreiben muss. Statt Beziehung zu googlen, tindert man einfach die Singles in seiner Umgebung. Und dann kann man selbst entscheiden: Schön oder hässlich? Interessant oder langweilig? Lässig oder gammlig? Hipster oder Schnösel? Ja oder nein? Tinder ist da sehr explizit. Und Tinder ist diskret. Auf Tinder kann man noch nett sein. Niemand sagt dort „Du bist mir zu hässlich.“ Bei Tinder wischt man hässliches einfach aus. Man wischt es nach links und auf einmal ist es, als wäre das Unperfekte, wenig geradlinige, das „weniger als 100 Prozent“ nie da gewesen.

Bei Tinder ist alles so einfach. Dort sind sich die Menschen wirklich noch nahe, denke ich. Was das anbelangt, ist Tinder fast wie das reale Leben. Man sucht nach einem besonderen Menschen, lässt ihn nicht mehr aus den Augen. Man kann ihn streicheln – einmal nach rechts streicheln und einmal nach links, ganz wie man Lust hat.

Tinder ist eigentlich sogar noch besser als das reale Leben, denke ich. Hier gibt es ständig Konflikte, Momente, in denen man sich positionieren muss. Das hat viel mit Zwängen zu tun. Zum Beispiel muss ich mich zwangsläufig entscheiden, bevor ich meine Meinung sage. Oder mich zwangsläufig dazu entscheiden, mich nicht zu entscheiden, weil ich stattdessen lieber gar nichts sagen will. Das ganze Entscheiden und Aushalten ist furchtbar anstrengend für mich. Manchmal wünsche ich mir, das Leben wäre wie das Social Web. Statt den Moment zu ertragen, könnte ich einfach die letzten Tabs schließen. Oder den Verlauf löschen und noch mal von vorne anfangen.


Und darum bin ich bei Tinder. Tinder ist mein rosaroter Snapchatfilter und das Ass im Ärmel, um bloß nicht zu verlieren. Denn es macht alles besser, aber vor allem macht Tinder alles schön. Keine Entscheidungen, keine blöden Menschen, keine Negativität. Stattdessen kann ich sehen was kommt - und warten, dass nichts passiert.

Montag, 4. Juli 2016

hallo welt!

Die Frage nach dem ersten Eintrag ist ziemlich weltbewegend für mich, denn was sie mit sich zieht, ist eine ganze Reihe weiterer großer, vielleicht ebenso bedeutsamer Fragen: Wo soll ich einen Anfang finden, in all dem Auf und Ab der Welt, in diesem unerschöpflichen Pott aus wichtigen Themen und zahlreichen Worten, die es verdienen, festgehalten zu werden? In welche Richtung wird mich all das hier führen? Wie viel möchte ich teilen und was soll am Ende hier zu finden sein?

Da ich nicht weiß, wie viele Menschen meine hier veröffentlichten Gedanken erreichen werden und ob sich überhaupt jemand da draußen mit ihnen identifizieren kann, beschließe ich, mit etwas zu beginnen, das schon eine ganze Weile auf einem meiner digitalen Notizzettel schlummert und darauf wartet, wiedergefunden und gelesen zu werden. Es ist ein kleines 'hallo' an alle da draußen und Ausdruck der gleichen Anonymität, in der wir uns hier im Netz befinden, nur dass sie damals – mehr oder weniger – real war.


On the Road

Gerade aufgewacht.
Draußen ist es schon dunkel, ich kann mich kaum orientieren. Ich sehe keine Landschaft und habe keine leise Ahnung, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Scheinbar fahren wir schnell, denn ich kann kaum ein einzelnes Fahrzeug ausmachen. Draußen sind nur lineare Lichtstreifen. Alles verschwimmt zu einer einheitlichen, dumpfen Masse.

Einheitlich untrennbar gleichgültig.

Ich bin so müde, dass der Gedanke, dass zwischen den Lichtstreifen Menschen sind, Menschen wie du und ich, die vielleicht gerade lachen, streiten oder laut Musik hören, auf mich ziemlich abstrakt wirkt. Ich fühle mich wie in der Schwebe, so unheimlich weit weg von Raum und Zeit, wenn ich so da sitze und in das Meer aus nichts – oder besser – aus roten und weiten Lichtstreifen hinaus starre. Alles was ich höre, ist das dumpfe Rauschen der Fahrbahn, präsenter als der Bass der Musik, der irgendwie nur leise und gleichmäßig das Rauschen untermalt.

Schon verrückt, wie wir so dasitzen. Neben mir eine angehende Optikerin mit Musik auf den Ohren, der Fahrer hochkonzentriert, die dicke Frau auf dem Beifahrersitz leise grunzend, wobei sie uns bei jedem Ausatmen ein bisschen mehr in ihre unendlich süße Parfumwolke hüllt. Fast vier Stunden noch, bis wir endlich da sind, Vier unglaublich lange Stunden. Stunden ohne ein Wort, Stunden mit tausend Gedanken, dem dumpfen Rauschen, leisem Bass und einem Lichtermeer.


Ob unter all den Gedanken manchmal der Wunsch ist, laut zu sein? Der Wunsch, etwas loszuwerden? Mit anderen drauf los zu quatschen? Ich weiß es nicht, weiß nur, wie wohl ich mich fühle. Dass ich jetzt gerade gar nichts ändern will. Und trotzdem, genießen kann ich nicht. Immerzu brennt diese eine Frage auf der Seele: Verpassen wir was?