Montag, 23. Januar 2017

tinderdates

Gestern haben wir über Tinder geredet. Na ihr wisst schon. Das ist das, was man genauso benutzt wie Google. Früher hat man gegoogelt: Beziehung. Wie lerne ich eine Frau kennen? Freundschaft Plus. One-Night-Stand.

Heute tindert man. Tinder ist wie Google, es ist sogar zu einem Verb in unserem Sprachschatz geworden. Da sucht man vielleicht nicht mit Worten, aber dafür präziser.

Man kann nach viel suchen und auch nach wenig, man kann mit großen Erwartungen suchen, voller Neugier suchen, man kann nebenbei mal schnell suchen – oder sein Leben lang suchen. Vor allem aber sucht man. Wie bei Google. Oder wie bei Germanys Next Topmodel. Dort sucht man aber noch analog. Dort hat man große Mappen, die alle erst einmal auf den Tisch gelegt werden müssen. Sie sind wuchtig und schwer und haben einen Ledereinband, den man öffnen muss. Und dann muss man blättern. Blättern ist anstrengend – und dauert lange. Tinder ist viel besser, was das angeht. Tinder ist nicht wie eine Modelmappe. Tinder ist einfach immer da, tief drin im geliebten Smartphone, nicht weiter als einen Touch entfernt.

Tinder ist das neue Google und das neue GNTM, weil Tinder mehr kann. Tinder kann Menschen suchen, deren Namen man noch nicht kennt. Tinder kann Wünsche wahr machen, ohne dass man sie aufschreiben muss. Statt Beziehung zu googlen, tindert man einfach die Singles in seiner Umgebung. Und dann kann man selbst entscheiden: Schön oder hässlich? Interessant oder langweilig? Lässig oder gammlig? Hipster oder Schnösel? Ja oder nein? Tinder ist da sehr explizit. Und Tinder ist diskret. Auf Tinder kann man noch nett sein. Niemand sagt dort „Du bist mir zu hässlich.“ Bei Tinder wischt man hässliches einfach aus. Man wischt es nach links und auf einmal ist es, als wäre das Unperfekte, wenig geradlinige, das „weniger als 100 Prozent“ nie da gewesen.



Bei Tinder ist alles so einfach. Dort sind sich die Menschen wirklich noch nahe, denke ich. Was das anbelangt, ist Tinder fast wie das reale Leben. Man sucht nach einem besonderen Menschen, lässt ihn nicht mehr aus den Augen. Man kann ihn streicheln – einmal nach rechts streicheln und einmal nach links, ganz wie man Lust hat.

Tinder ist eigentlich sogar noch besser als das reale Leben, denke ich. Hier gibt es ständig Konflikte, Momente, in denen man sich positionieren muss. Das hat viel mit Zwängen zu tun. Zum Beispiel muss ich mich zwangsläufig entscheiden, bevor ich meine Meinung sage. Oder mich zwangsläufig dazu entscheiden, mich nicht zu entscheiden, weil ich stattdessen lieber gar nichts sagen will. Das ganze Entscheiden und Aushalten ist furchtbar anstrengend für mich. Manchmal wünsche ich mir, das Leben wäre wie das Social Web. Statt den Moment zu ertragen, könnte ich einfach die letzten Tabs schließen. Oder den Verlauf löschen und noch mal von vorne anfangen.

Und darum bin ich bei Tinder. Tinder ist mein rosaroter Snapchatfilter und das Ass im Ärmel, um bloß nicht zu verlieren. Denn es macht alles besser, aber vor allem macht Tinder alles schön. Keine Entscheidungen, keine blöden Menschen, keine Negativität. Stattdessen kann ich sehen was kommt - und warten, dass nichts passiert.

Montag, 4. Juli 2016

hallo welt!

Die Frage nach dem ersten Eintrag ist ziemlich weltbewegend für mich, denn was sie mit sich zieht, ist eine ganze Reihe weiterer großer, vielleicht ebenso bedeutsamer Fragen: Wo soll ich einen Anfang finden, in all dem Auf und Ab der Welt, in diesem unerschöpflichen Pott aus wichtigen Themen und zahlreichen Worten, die es verdienen, festgehalten zu werden? In welche Richtung wird mich all das hier führen? Wie viel möchte ich teilen und was soll am Ende hier zu finden sein?

Da ich nicht weiß, wie viele Menschen meine hier veröffentlichten Gedanken erreichen werden und ob sich überhaupt jemand da draußen mit ihnen identifizieren kann, beschließe ich, mit etwas zu beginnen, das schon eine ganze Weile auf einem meiner digitalen Notizzettel schlummert und darauf wartet, wiedergefunden und gelesen zu werden. Es ist ein kleines 'hallo' an alle da draußen und Ausdruck der gleichen Anonymität, in der wir uns hier im Netz befinden, nur dass sie damals – mehr oder weniger – real war.


On the Road

Gerade aufgewacht.
Draußen ist es schon dunkel, ich kann mich kaum orientieren. Ich sehe keine Landschaft und habe keine leise Ahnung, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Scheinbar fahren wir schnell, denn ich kann kaum ein einzelnes Fahrzeug ausmachen. Draußen sind nur lineare Lichtstreifen. Alles verschwimmt zu einer einheitlichen, dumpfen Masse.

Einheitlich untrennbar gleichgültig.

Ich bin so müde, dass der Gedanke, dass zwischen den Lichtstreifen Menschen sind, Menschen wie du und ich, die vielleicht gerade lachen, streiten oder laut Musik hören, auf mich ziemlich abstrakt wirkt. Ich fühle mich wie in der Schwebe, so unheimlich weit weg von Raum und Zeit, wenn ich so da sitze und in das Meer aus nichts – oder besser – aus roten und weiten Lichtstreifen hinaus starre. Alles was ich höre, ist das dumpfe Rauschen der Fahrbahn, präsenter als der Bass der Musik, der irgendwie nur leise und gleichmäßig das Rauschen untermalt.

Schon verrückt, wie wir so dasitzen. Neben mir eine angehende Optikerin mit Musik auf den Ohren, der Fahrer hochkonzentriert, die dicke Frau auf dem Beifahrersitz leise grunzend, wobei sie uns bei jedem Ausatmen ein bisschen mehr in ihre unendlich süße Parfumwolke hüllt. Fast vier Stunden noch, bis wir endlich da sind, Vier unglaublich lange Stunden. Stunden ohne ein Wort, Stunden mit tausend Gedanken, dem dumpfen Rauschen, leisem Bass und einem Lichtermeer.


Ob unter all den Gedanken manchmal der Wunsch ist, laut zu sein? Der Wunsch, etwas loszuwerden? Mit anderen drauf los zu quatschen? Ich weiß es nicht, weiß nur, wie wohl ich mich fühle. Dass ich jetzt gerade gar nichts ändern will. Und trotzdem, genießen kann ich nicht. Immerzu brennt diese eine Frage auf der Seele: Verpassen wir was?